Navigationsweiche Anfang

Navigationsweiche Ende

Das Auge täuscht sich nicht – Phänomenologische Forschung am Beispiel der Optik

Geknickte Spaghetti: Entfremdung zwischen optischer und haptischer Erfahrung im Alltag.

Was ist Phänomenologische Optik? Dazu sei hier eine Beobachtung beschrieben, die nachvollziehbar machen soll, wie man auch als Nichtphysiker auf die Idee kommen kann, nach einer phänomenologischen Prägung optischer Begriffe zu fragen. Sie kennzeichnet ein Dilemma, in das uns schon der Optikunterricht in der Schule gebracht hat und das uns meistens – nachdem wir uns beschwert haben – als notwendige Eigenschaft der physikalischen Erkenntnisgewinnung verkauft wurde.

Jedes Mal, wenn ein optisches Phänomen behandelt wird – seien es die Himmelsfarben im Tageslauf, der geknickt erscheinende Verlauf eines halb ins Wasser eingetauchten Paddels oder die vervielfachten Bilder einer Kerzenflamme im Blick durch eine Entenfeder – jedes Mal kommt es beim Übergang von der Beschreibung des Phänomens zu seiner Erklärung zum Bruch: Die Rede ist von Lichtstrahlen, elektromagnetischen Wellen oder Photonen, die gebrochen, abgelenkt, reflektiert oder gestreut werden – und es bleibt völlig schleierhaft, wie das Eine (das Phänomen) mit dem Anderen (der Erklärung) zusammenhängen soll.

Vervielfältigte Bilder einer Kerzenflamme
im Durchblick durch ein optisches
Gitter.

Dieser Bruch kränkt uns. Die Erklärung bleibt uns fremd und leistet nicht, was wir erhoffen: dass sie uns dem Verständnis des Phänomens näherbringt. Sie wird uns vielmehr in einer Form dargeboten, die nicht mit unserer Teilnahme rechnet, sondern die uns nötigt, das Phänomen als Wirkung selbst nicht beobachtbarer, hinter dem Phänomen vorgestellter Ursachen anzuschauen. Und damit nicht genug: der Knick im Paddel und die Bilder der Kerzenflamme werden uns darüber hinaus als optische Täuschung hingestellt. »In Wirklichkeit« – so sagt man – sei das Paddel natürlich gerade und die Kerzenflamme erscheine nur vervielfacht, weil das Licht gebeugt sei.

Das Licht im Bild mechanischer und elektrodynamischer Vorgänge zu behandeln ist das Ergebnis einer wissenschaftlichen Entwicklung, die mit den Namen bedeutender Physiker wie Huygens, Newton und Maxwell verknüpft ist. Dass diese Behandlung den Bezug auf die unmittelbare Seherfahrung vermeidet, ist kein Versehen, sondern Absicht: Aus physikalischer Sicht ist dies die entscheidende Bedingung für die Zuverlässigkeit und Objektivität der physikalischen Optik und stellt diese in den größeren Rahmen einer elektrodynamischen Strahlungstheorie. Es ist demnach nicht verwunderlich, dass das entscheidende Merkmal der heutigen Lehrbuchoptik in der konsequenten Unterdrückung jeder Bezugnahme auf das Sehen und die Welt der sichtbaren Phänomene besteht. Gelehrt wird gewissermaßen eine »Optik für Blinde«. Weiterlesen...

zuletzt bearbeitet am: 26.08.2015